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29.02.2016 Rückblick - Fachtagung „Flüchtlinge erfolgreich integrieren durch Weiterbildung!“

Flüchtlinge erfolgreich integrieren durch Weiterbildung

So schnell wie möglich sollen Flüchtlinge Deutsch lernen und in den Arbeitsmarkt integriert werden. Darin sind sich Politik, Unternehmen und Wissenschaft einig.  Gleichzeitig erleben wir gerade einen Umschwung der öffentlichen Meinung. Immer mehr Menschen verknüpfen Ängste mit dem Thema Flüchtlinge. Wie kann vor diesem Hintergrund Integration funktionieren? Wo liegen die größten Probleme, um eine zügige sprachliche und berufliche Qualifikation umzusetzen?

Diesen Fragen ging am Montag in Hamburg die Fachtagung „Flüchtlinge integrieren durch Weiterbildung“ nach. Veranstaltet wurde sie von Weiterbildung Hamburg e.V., der Organisation der Hamburger Bildungseinrichtungen.

Das Thema Integration wird uns noch Jahre beschäftigen

Die Senatorin Dr. Melanie Leonhard von der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration hat bei dieser Diskussion vor allem die Flüchtlinge im Blick, die eine gute Bleibeperspektive haben. „Menschen, die vor Krieg und Terror geflüchtet sind, brauchen unseren besonderen Schutz, aber wir müssen unterscheiden, wer länger bleibt und wer nicht.“ Nach den Kenntnissen der Hamburger Behörde bestätigt sich, dass die größte Zahl der Flüchtlinge  aus Syrien stammt und es sich überwiegend um junge Männer im Alter von 18 und 35 Jahren handelt. Dabei haben Zweidrittel der Flüchtlinge 11 Jahre eine Schule besucht und mehr als die Hälfte bringt berufliche Kompetenzen mit. Unsere Gesellschaft kann also durchaus von ihnen profitieren. „Viele von ihnen sind hochmotiviert und würden am liebsten sofort anfangen zu arbeiten.“  Ideal wäre für die Ministerin, wenn Sprachförderung und berufliche Qualifizierung parallel laufen würden.

„Der erste Schritt  ist der Integrationskurs, aber das Erlernen der Deutschen Sprache muss immer mit berufsqualifizierenden Maßnahmen wie Praktika begleitet werden. Dabei ist Geduld gefragt, denn „wir müssen uns darauf einstellen, dass das Thema Integration oder Inklusion  uns noch Jahre beschäftigen wird.“

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Weiterbildung ist für alle wichtig

„Die Dynamik der Entwicklung hat uns alle kalt erwischt. Und ich habe den Eindruck, als würden alle denken, es gehe jetzt nur noch um die, die jetzt hier sind. Ich sehe aber kein Ende, es werden weiter Flüchtlinge kommen, der Frühling steht vor der Tür.“ Prof. Dr. Anke Grotlüschen, Weiterbildungs-Expertin von der Hamburger Universität befürchtet, dass durch eine veränderte öffentliche Diskussion die Stimmung kippt. „Wir würden es begrüßen, wenn es eine politische Grundbildung zum Thema Integration für alle geben würde. Also für interessierte Deutsche wie für die Flüchtlinge selbst.“ Themen wie der Umgang mit Sexismus und Rassismus – das geht alle an. Spezielle Angebote für Flüchtlinge zu Arbeitnehmerrechten, Sozialrechten und dem Wahlsystem sollten die Weiterbildung ergänzen.

Am Herzen liegt der Wissenschaftlerin auch die fachliche Überprüfung der Lehrwerke für den Integrationsunterricht. Für Belustigung sorgt etwa das  Thannhauser Modell. Dort  lernen Flüchtlinge die Vokabeln für Mund, Nase und Augen am Konterfei von Angela Merkel.

Eine gute Einbindung ist möglich

Flüchtlinge, die im Betrieb von Mitarbeitern so gut aufgenommen werden, dass alle zusammen Probleme lösen und die Arbeit reibungslos klappt – ist das überhaupt möglich? „Das kann klappen“, sagt der Betriebsrat von Beiersdorf in Hamburg, Robert Meessen. Er hat es Anfang der 90iger Jahre erlebt. „Damals war eine ganz ähnliche Situation wie heute. Viele Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien kamen zu uns.“ Möglich wurde die geglückte Integration durch ein starkes Engagement der Betriebsleitung gemeinsam mit dem Betriebsrat. Über hundert Arbeiter und Angestellte übernahmen Patenschaften für die Neuankömmlinge, begleiteten sie. Viele sind auch noch nach Jahrzehnten miteinander befreundet. Neben den betrieblich geförderten Patenschaften gab es Hilfen zur Konfliktlösung durch Fachberater und Mediatoren. „Alles zusammen war der Schlüssel zum Erfolg“, so Robert Meessen.

Hamburg braucht Fachkräfte

Doch noch halten sich viele Unternehmen zurück, Flüchtlinge in den Betrieb zu holen.  Armin Grams, Geschäftsführer der Handelskammer Hamburg:. „Bei einer Befragung zeigte sich, dass rund 80 Prozent der Unternehmen prinzipiell bereit wären, Flüchtlingen Praktika oder eine Ausbildung anzubieten.“  Aber tatsächlich haben nur 17 Prozent mögliche Anwärter aufgenommen. Haupthinderungsgrund, den die Betriebe angeben: mangelnde Deutschkenntnisse. Dabei wissen die Geschäftsführer, dass sich das Problem des Fachkräftemangels noch verschärfen wird. Zur Zeit können viele Stellen für Fachkräfte nicht besetzt werden.

DownloadPräsentation zum Vortrag von Armin Grams, Geschäftsführer der Handelskammer Hamburg >>

Sprachunterricht – es fehlt an Personal

Allen Flüchtlingen schnell einen guten Sprachkurs anbieten, das würden auch die Bildungsanbieter sehr gern. Nur gibt es da ein Problem.

Nicht nur Heike Kölln-Prisner von der Volkshochschule, dem größten Sprachkurs-Anbieter Hamburgs braucht mehr Lehrkräfte. „Wir können einfach nur viel zu wenig bezahlen. Konkret bekommen wir pro Flüchtling und Stunde 3,10 Euro. Um ein angemessenes Honorar zu bezahlen müssten es über 4 Euro sein.“

Dabei sind die Kursleiter hoch motiviert, aber sie fühlen sich auch stiefmütterlich behandelt. Und wandern immer häufiger an die Schulen ab. Ein zweites Problem: es gibt zu wenig zertifizierte Kurse, in denen neue Deutschlehrer ausgebildet werden können. So entsteht folgende Situation: „Wir führen in der Woche rund 700 Beratungsgespräche für Deutsch-Sprachkurse und können bei weitem nicht allen einen Platz anbieten.“

Einfluss nehmen, um eine bessere Bezahlung zu erreichen, das kann das Bundeskanzleramt für Migration, Flüchtlinge und Integration. Dr. Ulrich Jahnke, Beauftragter der Behörde: „Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat aus Überschüssen des Etats von 2015 gerade 13 Milliarden Euro für Flüchtlinge zurückgestellt. Das Geld ist eigentlich da, die Frage ist nur, wie wird es adressiert, was setzen wir mit welchem Programm um? “  So sollen in Kürze etwa 100 000 Plätze geschaffen werden für eine berufsbezogene Sprachförderung. „Eine wichtige Innovation ist, dass geduldete Jugendliche auch eine Ausbildung aufnehmen können,“ so Dr. Ulrich Jahnke.

Genau in diesem Schnittpunkt von Qualifikation und Integration junger Erwachsener ist Franziska Voges von Passage GmbH, einer gemeinnützigen Gesellschaft für Arbeit und Integration, tätig. Sie sieht vielfältige Herausforderungen auf alle Weiterbildungs-Anbieter zukommen: „Mit dem Anteil an Migration, den wir haben werden, brauchen wir neue Konzepte der Weiterbildung. Ein Beispiel: Eine hohe Anzahl von denen, die zu uns kommen, haben nur eine rudimentäre Schulbildung. Dafür brauchen wir vorgeschaltete Angebote. Das ist aber nicht finanziert.“

Jens Gärtner, der Vorstandsvorsitzende von Weiterbildung Hamburg e.V., fasst zusammen: „Wir haben viele Menschen vor der Tür stehen, denen wir mehr bieten müssen, als nur Sprachkurse. Auch die aufnehmende Bevölkerung und die Weiterbildungsanbieter müssen zusätzlich weiter gebildet werden. Die politische Weiterbildung muss eine größere Rolle spielen.“

Höchste Zeit also, auch weiterhin über die Schwierigkeiten, die sich in der praktischen Bildungsarbeit ergeben, im Dialog zu bleiben und gemeinsam von den Politikern die nötigen Schritte einzufordern.

Interview mit Prof. Dr. Anke Grotlüschen, Professorin für Berufliche Bildung und lebenslanges Lernen, Universität Hamburg

Warum gibt es viel zu wenige Deutschkurse?

„Wir haben den allergrößten Engpass bei den Lehrern. Das Lehrpersonal fehlt sowohl  für Deutschkurse als auch für die Deutsch-Alphabetisierungskurse für Flüchtlinge. Zu uns kommen viele Syrer, die noch das lateinische Alphabet lernen müssen. Es gibt einfach kein Lehrpersonal. Und wir kriegen auch keine ausgebildet, weil wir keine Ausbilder für das Lehrpersonal haben.“

Was erschwert die Sprachvermittlung?

„Die Situation der Geflüchteten. Im Unterricht sitzen die Flüchtlinge noch mit so vielen Fragen und Lasten, so dass die Konzentration auf das Sprachelernen gerade bei den Erwachsenen nicht immer gelingt. Das ist eine große Herausforderung für die Lehrer.“

Oft übernehmen Ehrenamtliche die Sprachvermittlung quasi nebenbei mit.  Ist das sinnvoll?

„Der direkte persönliche Kontakt, der durch die Ehrenamtlichen geschieht, ist von unschätzbarem Wert. Viele von diesen engagierten Menschen haben aber das Problem, dass sie auf Leute treffen, die kein Wort Deutsch sprechen. Da geht es erstmal um „Hallo“ und „Meine Name ist“. Das Ehrenamt hat ja auch eine ganz andere Funktion, nämlich eine emotionale und integrative. Und sie vermitteln bei Konflikten. Beispielsweise, wenn die Nachbarschaft kein Flüchtlingsheim in ihrer Nähe dulden will.“

Was sollte jetzt von der Politik umgesetzt werden?

„Die Erwachsenenbildung sollte endlich als vierte Säule des Bildungssystems akzeptiert werden. Bei dem Ausmaß an Unterricht, das hier zu leisten ist, ist es völlig indiskutabel, das mit Ehrenamtlichen oder mit Honorarkräften abzuwickeln. Es braucht vernünftig bezahlte Lehrkräfte, die auch qualifiziert sind, um ihren Job zu machen.“

Download: Präsentation zum Vortrag von Frau Prof. Dr. Grotlüschen, Uni Hamburg >>

Kurze Statements von Bildungsanbietern

Frederike Wirtz, Umdenken e.V.:

„Erfreulich ist, dass ein bestimmtes Seminar im Rahmen des Bildungsurlaubs bei uns immer sofort ausgebucht ist. Dort vermitteln wir mehr über die Hintergründe von Flüchtlingen und mögliche Hilfen. Genutzt wird es von Menschen, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren wollen.“

Amadeus Hempel, Verein für politische Bildung e.V.:

„Für uns ist eine Gleichrangigkeit in der Diskussion wichtig. Nur, wenn wir Flüchtlingen und Auswandern auch zuhören, können wir sagen, was wir denken.“ 

Und: „Seit Jahren ist die Besserfinanzierung von Fachkräften und Lehrern jetzt in der Diskussion und soll schon lange geändert werden, Wenn das nicht endlich geschieht, haben wir bald massive Probleme.“

Gesine Kessler-Mohr, Handwerkskammer Hamburg:

„Wir haben in verschiedenen Pilotprojekten die Gelegenheit, Kompetenzen zu ermitteln und Flüchtlinge passend zu vermitteln. Das klappt sehr gut.“

Beatrix Hösterey, IBH e.V.:

„Es gibt einen klaren Trend, immer kürzere Maßnahmen zu gewähren. Wir kümmern uns um die Anerkennung von Ärzten etwa aus Syrien. Im Prinzip  ist es so, als hätte man ein Jahr Zeit, um ein komplettes Studium noch einmal zu absolvieren, inklusive Staatsexamen. Und das mit den Sprachproblemen. Ich plädiere für längere Maßnahmen.“

Heike Kölln-Prisner, VHS Hamburg:

„Eine der ersten Forderungen wären nach Transparenz. Da schaut keiner mehr durch, welche Maßnahmen es gibt, auch die Verzahnung mit der Sozialarbeit, den Zuständigen für die Wohnprojekte – da müsste eine Struktur geschaffen werden.“

Weiterbildung Hamburg e.V.
Normannenweg 17-21
20537 Hamburg

Tel: 040 253198-81

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